Fluchtweg
Solid Sven / 30.06.2020

Fotografie ist Modern Talking, oder bist Du ein 1%er ?

Die Frage nach dem Sinn Deines Schaffens.

Stumme Schreie

Abseits der professionellen Auftrags- und Kunstfotografie befindet sich der wesentlich größere Teil der Freizeitfotografie.

Egal ob im persönlichen Kontakt oder online, die Frage nach der Sinnhaftigkeit wird selten gestellt. Wenn sie gestellt wird, ist die Antwort meist sehr  eindimensional : "Aus Spaß", oder "zur Entspannung".

Das Ziel ist zumeist, im Mainstream als "schön" empfundene Bilder zu produzieren, um diese online zu teilen. Der gemeinsame Nenner ist im Tenor "Spaß" und "schön".

 

 

 

 

Alpträume

Für den Begriff "schön" könnte man den Mainstream heranziehen, welcher im weitesten Sinne diesen Begriff definiert.

Was den Begriff "Spaß" angeht, so lohnt ein genauer Blick darauf. Das Anfertigen einer Fotografie- oder Serie lässt sich in verschiedene Abschnitte unterteilen. Geht es um den Prozess des Planens und Fotografierens ? Geht es hierbei um Technikverliebtheit ? Ist es die Bildentwicklung und Bildbearbeitung ? Das Präsentieren ?  

Sind wir ganz ehrlich. Den meisten geht es nicht um kreativen Ausdruck, um das Auseindersetzen mit einem Thema, um das Mitteilen und Aufarbeiten anhand von Bildsprache. Denn viele Themen der Welt und des Lebens stressen uns, gehen tief unter die Oberfläche und ausgerechnet ein ausdruckstarkes Medium wie die Fotografie wird mutwillig oberflächlich eingesetzt. Verrückt !

 

 

 

Exponiert

Hierzu ein kleines Gedankenexperiment und folgende Annahme:

Wir drehen den Kalender zurück. Es existiert die Möglichkeit zu fotografieren, jedoch gibt es für jeden nur rudimentäre Möglichkeiten (eine Standardkamera und zwei Standardobjektive), desweiteren gibt es kein Medium wie das Internet, Social Media Kanäle etc. Es gibt auch keine agressive Kameraindustrie, die die Käufer vor sich hertreibt, kein Influencermarketing etc.

Wie viele der heutigen Freizeitfotografierenden würden dieser Beschäftigung noch nachgehen ? Meine These: Weniger als 1%.

Welche Motivation hatten wir früher, als diese Annahme Realität war ? Denken wir zurück. Hauptsächlich haben wir die eigene Familiengeschichte dokumentiert. Diesen Aspekt der persönlichen Fotografie möchte ich hier aber ausklammern und die Frage estwas genauer stellen:

Wie viele der heute Freizeitfotografierenden würden dann die Fotografie zum kreativen Selbstausdruck nutzen ?

Weniger als 1%.

Notruf

Diese 1% beantworten die Frage nach der Sinnhaftigkeit für Ihr Schaffen nicht (nur) mit "Spaß daran". Für diese 1% geht es tiefer, viel tiefer unter die Oberfläche. Ihre Fotografie ist sogar häufig nicht von Spaß getrieben, sondern von dem Bedürfnis, sich auszudrücken, den Blick auf historische und zeitgeschichtliche Themen zu lenken. Auch sehr persönliche Erlebnisse und Emotionen sind oft, sogar meistens die Triebfeder.

Ich möchte hier den Vergleich zu einer anderen Kunstform ziehen, nämlich dem Songwriting. Ein guter Songwriter muss für seine Musik auch texten und in den meisten Fällen wird er hier seine persönlichen Erfahrungen und Empfindungen einfliessen lassen. Themen die ihn beschäftigen, die ihn aufladen, einstweilen sogar stressen. Er wird nicht sein Leben lang Songs wie Brother Louie und Chery Chery Lady schreiben, wenn er wirklich etwas mitzuteilen hat.

 

 

 

Fluchtweg

Fotografie kann so viel mehr sein als das Abfotografieren von als schön empfundenen Motiven. Selbstverständlich wird das Anfertigen von Postkarten, das Dokumentieren seines Lebens, seiner Stadt, seiner Umgebung immer ein wichtiger Teil der Fotografie sein. Das ist auch gut und wichtig. Wer dieses Medium jedoch ausschöpfen möchte, der muss zusätzlich deutlich tiefer gehen und sich ggf auf ein Thema einlassen, das mit Spaß und Schönheit nichts mehr zu tun hat.

Ich bin mir ganz sicher, dass viele Freizeitfotografierende den Gedanken an mehr Tiefgang bereits vollzogen haben, diesen jedoch zähneknirschend beim nächsten Blumenmakro wieder verworfen haben.

 

 

 

 

Entkommen

Der Grund ist oft, dass sie kein Denkmuster, keinen Ablaufplan haben, dass sie die Tür zu diesem Raum nicht finden, dass sie die Motivation nicht aufbringen, sich ein paar Monate mit Meistern und Künstlern auseinanderzusetzen. Wer diesen Raum betritt, schafft sich mehr Fragen als Antworten.

Es gibt jedoch Antworten. Sie befinden sich in uns selbst und überall um uns herum. Was wir benötigen ist ein Metathema, Symbolik, Emotionen und eine Idee von der geeigneten Bildsprache, um diese zu transportieren.

Und doch bleiben wir selbst dann mit unseren Bildern allein, weil es uns nicht gelingt, andere Menschen zu erreichen. Aber das ist auch nicht wichtig.

Wichtig ist allein der Dialog mit uns selbst.